Vorsicht beim symmetrischen Ausgleich einer Beinlängendifferenz

 

Die Natur strebt nach Symmetrie ohne sich ihr ganz anzugleichen; es ist dieses Streben, das eine inwendige Bewegung nach Außen zum Ausdruck bringt. Eine Spiegelsymmetrie ist spannungslos und wirkt unnatürlich. Eine Spiegelsymmetrie drückt Bewegungslosigkeit aus. Zeichen von innerer Bewegung erkennen wir schnell an der unsymmetrischen Linienführung im Gesicht, hauptsächlich am Mund, an der Augen- und Ohrstellung. Im Körper wird Unsymmetrie auch durch eine leichte Neigung des Schultergürtels und des Beckens sichtbar. Die natürliche, statisch ausgleichende Bewegungssprache des Körpers zeigt sich in unterschiedlichen Bein -und Armlängen. Sie drückt sich durch einen veränderlichen Neigungswinkel und durch eine Rotation von Schultern und Becken aus. Sie spricht zu uns durch eine Betonung der X- oder O-Beinstellung des Knies und der Füße, sie teilt sich uns durch eine Verlagerung des räumlichen Körperschwerpunktes nach vorne oder nach hinten mit, oder durch eine leichte, seitliche Abweichung der Wirbelsäule, der leider allzu oft und sehr schnell die Bezeichnung “Skoliose“ angeheftet wird. So schaffen die räumlichen Beziehungen, von Neigung und Drehung, Beugung und Streckung die Möglichkeit zur Kompensation. Ein Beckenschiefstand, der in stehender Haltung festgestellt wird muss unbedingt eine Bein- und Armlängendifferenz in Bauch- und in Rückenlage erzeugen !!! Sämtliche kompensierende Rotations- und/oder zur Seite neigenden Komponenten müssen im Liegen zum Ausdruck kommen. Wir erkennen sie durch die seitenungleichen Arm- und Beinlängen. Es ist falsch von einem echten langen oder kurzen Bein oder Arm zu reden und daraus einen Gleichstand zum therapeutischen Ziel zu machen.

 

Manche Patienten werfen schon nach kurzer Zeit wieder ihre Sohlenerhöhung oder das Fersenkissen weg, weil sie ihnen als störend und körperfremd vorkommen. Die Abwesenheit von unsymmetrischen Bein- oder Armlängen, also ein Gleichstand im Liegen bei einem vorliegenden Beckenschiefstand im Stehen, bedeutet eine folgenschwere Funktionsstörung des Bewegungsapparates, die unweigerlich zu mannigfaltigen Beschwerden führen wird. Das Ausgleichen von verschiedenen Beinlängen kann auch eine vorhandene Kompensation des Körpers auslöschen. Möglicherweise braucht der Körper aber gerade diese Kompensation! Je ausgeprägter aber die Unsymmetrie wird, umso mehr weist sie auf innere Bewegung und Spannung hin. Das ist ermüdend für den Menschen, weil der Körper mehr Arbeit aufwenden muss, um die divergierende Mitte in Balance zu halten. Eine auffällige Asymmetrie ist Auslöser für Dysfunktionen, vor allem im energetischen Bereich. Eine leichte, fast unmerkliche Unsymmetrie im Körper ist hingegen Zeichen von Vitalität, lebendigem Ausdruck und von innerer Bewegung. Je größer aber die Asymmetrie ist, umso mehr wird kompensierende Tätigkeit vorhanden sein. Wir haben an vielen Patienten mit inneren Erkrankungen ein hohes Maß an Körperasymmetrien festgestellt.

 

Wie würden sie sich bei der therapeutischen Intention der symmetrischen Gleichstellung ihrer Beine ihrer Kompensation beraubt fühlen! - zum Beispiel durch eine einseitige Sohlenerhöhung oder durch ein einseitig gelegtes Fersenkissen. In wenigen, speziellen Ausnahmen muss jedoch die Behandlung differenziert werden. Freilich gibt es auch echte Beinlängendifferenzen, die nach einem Ausgleich streben, aber sie kommen in unserem Praxisalltag kaum vor. Hier geht es darum; dem Patienten wieder Spielraum zur Kompensation zu verschaffen, indem eine leichte Asymmetrie bewusst im Seitenvergleich induziert wird. Eine andere Situation finden wir bei Unfällen, Stürzen und Folgen von mechanischen Reizen vor, die eine reaktive Beckenschiefstellung mit einer räumlichen Verschiebung des Körperschwerpunktes hervorzubringen vermögen. Hier muss man Hand anlegen und eventuell reponieren, manipulieren. Der statische Fehler, der sich dadurch einstellen kann – und die mit ihm verbundene Verlagerung der Atmungsmitte- wird somit eine dauerhafte vegetative Reaktionslage induzieren, die konsumierend wirkt. Sie muss daher unbedingt in der Therapie eliminiert werden. Hier liegt die Gefahr eminenter Fixierung vor. Wichtig ist es bei der diagnostischen Überprüfung seitens des Behandlers, ob die akuten Wirbelsäulebeschwerden ohne äußere Fremdeinwirkung entstanden sind. Oft hören wir bei der Erstuntersuchung von unseren PatientInnen: “ich bückte mich und kam nicht hoch“, oder “ich wachte auf und konnte den Kopf nicht drehen“. Hier bitte vorsichtig sein, denn diese Angaben weisen vor allem auf eine gestörte Atemdynamik und nicht immer zwingend auf blockierte Wirbel hin!!! Das sog. Wirbelblockierungssyndrom, auch das Bandscheibenwurzelsyndrom, ist in den meisten Fällen eine sekundäre Folge eines statisch gestörten Atemmechanismus!

 

Eine festgestellte Beindifferenz ist meistens Ausdruck von einer Gravitationsverlagerung des Körpers im Raum nach rechts oder nach links, nach vorne oder nach hinten, nach oben oder nach unten. In der Quaternio®-Therapie wird diese räumliche Verlagerungstendenz des Körperschwerpunktes im Menschen in Bezug auf seinen Mobilitätszustand im Zwerchfellbereich und insgesamt auf seine Atemdynamik betrachtet und durch sie ursächlich erklärt. Diese Gravitationsverlagerung ist oft erwünscht und vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Sie tritt beim frei beweglichen Becken und freier Schulterbewegung in wechselnden, asymmetrischen Längemustern von Armen und Beinen in liegender Position, und in verschiedenen Becken- und Schulterstellungen im Stand auf. Die zeitweilige einseitige Verlagerung des Körpergewichtes zur einen Seite muss sich nun durch einen beweglichen, nicht fixierten Schwerpunkt des Körpergewichts frei zur Gegenseite ausbalancieren dürfen. Demnach ist Körperasymmetrie ein Mittel des Körpers den Atem- und Körperschwerpunkt miteinander in Einklang zu bringen. Erst aus einem Verständnis für dieses atembedingte Asymmetrie-Phänomen im Organismus ist eine ganzheitliche Behandlungskonzeption für die Wirbelsäule und die Körpergelenke sinnvoll.

 

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Publizierte Fachartikel des Autors:

 

11/ 1995 Naturheilpraxis Pflaum Verlag : S. 1618

“Die klinische Bedeutung der Single-Dysfunktion im Bereich der Lendenwirbelsäule aus der Sicht der Osteopathie.“

 

11 / 1998 Naturheilpraxis Pflaum Verlag : S. 1781

“ Dura Mater, Mutter des großen Stromes - Erfahrungen mit Kraniosakraler Osteopathie in der Kinderheilkunde."

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